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Die Ökonomie des Geschichtenerzählens
„Große Führungsfiguren sind zuallererst Geschichtenerzähler“. Diese Einsicht stammt nicht von einem realitätsfremden Literaten in postalkoholischer Fabulierlaune. Sie ist dem neuesten Werk von Tomas Sedlacek entnommen. Tschechischer Nationalökonom, Regierungsberater, Universitätsprofessor der Ökonomie, ein Mann der harten Wissenschaften, möchte man meinen. „Die Ökonomie von Gut und Böse“ heißt das Buch, das sich vor allem dadurch auszeichnet, dass es die Wirtschaftswissenschaften ihrer pseudopositivistischen Hartherzigkeit beraubt. Ökonomie als Teil der Menschwerdung. Die Frage der Unternehmenskommunikation streift es nur am Rande.
Wirtschaften mit Nachrichtenwert
Auf über 400 Seiten diskutiert der ehemalige Berater Vaclav Havels die kulturellen, sozialen, moralischen und ethischen Hintergründe moderner westlicher Ökonomie. Ein empfehlenswertes Buch für alle, die nicht glauben wollen, dass sich die Steuerung der Wirtschaft durch ein paar mathematische Modelle bewerkstelligen lassen. Für uns interessant: Die Geschichtenerzähler in den Vorstandsetagen. Oder weitergedacht: Der große Anteil, den die Geschichtsschreibung in der Wirtschaft spielt. Was wären die größten Konzerne der Welt ohne die Nachrichten, die sie produzieren? Ob absichtlich oder zufällig. Sie kommen vor. Glücklich, wer selbst erzählen darf. Pechvogel, wer von der eigenen Nachricht überrannt wird. Manch Kreuzfahrtschiffbetreiber kann dieser Tage ein Lied von diesen Dingen singen.
Die gute Geschichte von schlechten Unternehmen
Die meisten Unternehmen und ihre Leitfiguren erzählen Geschichten. Bloß sind die plump erfunden oder nur in Teilen nachvollziehbar. Die gelebte Geschichte, der Blick zurück und die Verankerung in der Lebenswelt der Menschen: all diese Dinge scheitern oft. Ergebnis sind wirtschaftliche Gebilde, die sich besonders in Zeiten der Krise angreifbar machen. Strategische Schweiger. Getriebene Schummler. Hartherzige Bonzen. Die Medien sind dieser Tage voll mit den Horrormeldungen aus jenen Konzernen, bei denen man nicht einmal anstreifen möchte. Weil die Geschichte schlecht ist und darüber hinaus noch schlecht erzählt. Ein Widerspruch zum guten Wirtschaften.
Geschichtenbewusstsein und Geschichtsbewusstsein
Unternehmen sind, wie alle Institutionen, Kinder ihrer Zeit. Mitarbeiter, Kunden und die vielen Teilöffentlichkeiten drum herum sind Teil des ökonomischen Gebildes. PR, konsequent fortgedacht, ist dann nicht der Appendix zum produktiven Schaffen, sondern zentraler Teil des Wirtschaftens selbst. Wer Kommunikation als Mittel zur Befriedung der Öffentlichkeit versteht, hat verloren. Weil Menschen die Geschichten lieben. Jene, die sich nach innen richten, genauso wie die anderen, die nach außen gehen. Erfolg und Einsicht, Kultur und Politik. Sie alle treffen sich in jenen Handlungssträngen, die Unternehmen erzählen. Oder erzählen sollten.
Sanfte Könner, harte Zahlen
Die Geschichtenmacher sind also integraler Bestandteil des gesamten Wirtschaftskomplexes. Und da die gute Geschichte alles sein darf, nur nicht falsch, setzt sie verantwortungsvolles Handeln in allen Bereichen voraus. Was unter Corporate Social Responsibility seit einigen Jahren boomt, ist genauso Teil des Systems wie die Erfolgsmeldung, der Durchbruch, das revolutionäre Produkt, die Kritik, die Reaktion. Geschichten entstehen in allen Sparten. Ihr Transport nach draußen ist zentrale Managementaufgabe. Und seit Erfinung des Rückkanals - als Brief, Mail, Social Media Eintrag oder Blogpost - am besten in beide Richtungen. Welche Mittel, welche Kanäle und welche Menschen die Übermittlung übernehmen, ist Teil einer Strategie. Je gescheiter, desto besser. Denn am Ende gilt, was am Anfang stand: „Große Führungsfiguren sind zu allererst Geschichtenerzähler.“
Literaturtipp: "Die Ökonomie von Gut und Böse" von Tomas Sedlacek
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